
Leben mit Kunst: Neon, Drucke und Designobjekte
, 12 min Lesezeit

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Es gibt Häuser, die einfach eingerichtet werden, und andere, die erst durch das entstehen, was man in ihnen sammelt und mit der Zeit zum Teil des Alltags werden lässt. Sobald ein Neonwerk über einem Lesesessel aufleuchtet oder eine Vinylfigur in limitierter Auflage zwischen einer Erstausgabe und einem Keramikobjekt ihren Platz im Regal findet, verändert sich der Raum. Er ist dann nicht mehr bloß Kulisse, sondern sagt etwas über die Person aus, die dort lebt. Genau darin liegt einer der Reize des zeitgenössischen Sammelns: Kunst bleibt nicht auf Distanz zum Alltag, sondern wird zu einem Teil von ihm.
Über weite Strecken des 20. Jahrhunderts folgte das Sammeln recht festen Regeln. Gemälde gehörten an die Wand, Skulpturen auf den Sockel, und alles, was mit Popkultur oder jugendlicher Ästhetik zu tun hatte, galt oft als weniger ernst zu nehmen. Interieurs sollten auf eine enge, sehr vorhersehbare Weise geschmackvoll wirken.
Diese Hierarchie wirkt heute überholt. Die interessantesten Interieurs entstehen weniger aus Konvention als aus Urteilskraft, und sie verraten meist sehr viel über die Person, die in ihnen lebt. Ein Werk von Javier Calleja oder ein Stück wie Heads kann die Stimmung eines Raums überzeugender prägen als jedes beliebige Dekoobjekt.
Das heißt natürlich nicht, dass alles überall funktioniert. Gute Interieurs leben weiterhin von Proportion, Platzierung und Zurückhaltung. Geändert hat sich vor allem, dass Sammler heute über weit mehr Möglichkeiten verfügen, ihre Urteilskraft sichtbar zu machen.
Ein Grund dafür, dass sich zeitgenössisches Sammeln im Wohnraum so selbstverständlich anfühlt, ist der gelöste Umgang mit festen Kategorien. Dieselbe Person kann sich für einen limitierten Print, eine keramische Skulptur, ein Designobjekt und eine Vinylfigur interessieren, ohne sie gegeneinander aufzuwiegen. Verbunden werden sie nicht durch das Medium, sondern durch Geschmack, Neugier und ein gutes Auge.
Das erklärt auch, warum Arbeiten von KAWS heute so selbstverständlich in ernstzunehmenden Privatsammlungen stehen. Ihre Wirkung hängt nicht davon ab, etwas anderes sein zu wollen, als sie sind. Sie gehören zu einer Sammlungskultur, in der Kunst, Design und zeitgenössische Ikonografie ganz selbstverständlich ineinandergreifen — im Wohnraum ebenso wie im weiteren Feld der Städtische Kunst.
So betrachtet hören die Objekte in einem Raum auf, bloß Zubehör zu sein. Sie prägen den Raum aktiver mit, und das Verhältnis von Wand, Regal und Boden wird deutlich spannender.
Wer versteht, dass eine Vinylfigur und eine Lithografie denselben Bildraum teilen können, ohne einander zu schwächen, denkt längst über die alte Trennung zwischen Kunstwerk und Sammlerobjekt hinaus.
Auch Möbel sind inzwischen ein bewusster Teil dieser Sprache. Limitierte Entwürfe von Gestaltern, die sich zwischen Kunst, Handwerk und Design bewegen, gelten nicht mehr bloß als Hintergrund. Man wählt sie aus denselben Gründen wie ein gutes Kunstwerk: wegen der Urheberschaft, der Materialqualität und dem Gefühl, dass sie in einem Raum aus sich selbst heraus bestehen können.
Trifft ein starkes Kunstwerk auf Möbel mit echtem Charakter, ist das Ergebnis oft überzeugender als ein allzu perfekt abgestimmtes Interieur. Ein gewisser Kontrast zwischen Bild und Objekt oder zwischen grafischer Präsenz und ruhigeren Materialien verleiht dem Raum Tiefe. Er wirkt durchdacht, ohne einstudiert zu erscheinen.
Einer der schönsten Aspekte beim Arrangieren von Kunst im eigenen Zuhause ist das Zusammenspiel zwischen dem, was an der Wand hängt, und dem, was den Raum darunter prägt. Eine Druckgrafik bringt Bild und einen klaren Fokus mit; eine Skulptur oder ein Objekt fügt Gewicht, Rhythmus und Unterbrechung hinzu. Werden beide gut kombiniert, verändert sich die ganze Raumwirkung.
Eine Lithografie von Takashi Murakami über einer Konsole erzeugt eine bestimmte Wirkung. Kommt darunter ein skulpturales Objekt hinzu, wird der Blick nach unten in den Raum gezogen und wieder nach oben geführt. Diese kleine Verschiebung macht aus einer Wand oft mehr als eine bloße Präsentationsfläche: Sie wird selbst zu einem Teil des Raums. Genau deshalb funktioniert Druckgrafik im Interior Design so gut.
Dabei spielt die Größe eine entscheidende Rolle. Ein zu kleines Objekt geht unter, während ein zu dominantes seine Umgebung optisch plattdrücken kann. Auch Farbe ist wichtig, allerdings meist auf eine leisere Art: Nimmt eine Fläche darunter einen Ton des Werks darüber auf, wirkt die Kombination stimmig, ohne bemüht zu sein.
Neon hat im Wohnraum einen besonderen Status, weil es zugleich Kunstwerk und Lichtquelle ist. Es verändert einen Raum sofort, funktioniert zu Hause aber am besten, wenn es zuerst als Kunst und erst danach als Stimmungsmacher verstanden wird. Diese Reihenfolge ist wichtig.
Die stärksten Neonarbeiten wählt man nicht einfach deshalb aus, weil sie im Dunkeln gut leuchten. Sie überzeugen, weil das Motiv selbst stark genug ist, eine Wand zu tragen. Ein Werk wie Basquiats The Crown besitzt genau diese Qualität: direkt, vertraut und stark genug, um für sich zu stehen. Dasselbe gilt für Keith Harings Barking Dog, der mit so viel Energie und Klarheit arbeitet, dass er fast wie eine Linie im Raum wirkt.
Auch Warhols Bildsprache passt besonders gut zu Neon, weil sie ohnehin aus Wiederholung, Verpackung und öffentlicher Präsenz lebt. Andy Warhol Campbell’s Soup Can fühlt sich in diesem Format besonders zuhause, irgendwo zwischen Popbild, Zeichen und leuchtendem Objekt. In allen drei Fällen gewinnt das Werk, wenn es etwas Abstand und Ruhe um sich hat. Neon verträgt es selten gut, mit zu vielen anderen visuellen Reizen konkurrieren zu müssen.
Ebenso wichtig wie das Motiv ist die Platzierung. Ein starkes Neon bringt einem Raum meist mehr als mehrere schwächere Lichtpunkte. Es braucht außerdem Luft um sich herum, weil ein Teil seiner Wirkung in dem Lichtsaum liegt, den es an die Wand wirft. Richtig eingesetzt, schafft Neon nicht nur Atmosphäre, sondern auch eine gewisse Spannung.
Das Skate Deck hat sich als Träger für zeitgenössische Bildsprache als erstaunlich wirksam erwiesen, nicht nur wegen seiner kulturellen Assoziationen, sondern auch wegen seiner Form, seiner Stärke und seiner materiellen Präsenz. Es bietet etwas, das ein gerahmter Print nicht leistet: ein vertikales Format mit echten Kanten, echter Tiefe und einer stärkeren physischen Beziehung zur Wand.
Darum funktionieren Skate Decks zu Hause so gut. In einer kompakten Hängung geben sie einer Wand Rhythmus und Struktur. Eine Auswahl mit ikonischen Motiven von Andy Warhol, Jean-Michel Basquiat oder Roy Lichtenstein zeigt sehr deutlich, wie selbstverständlich sich eine klare grafische Sprache auf dieses Format übertragen lässt. Ein gutes Beispiel ist das Andy Warhol Brillo Skate Deck, in dem Pop-Ikonografie und Objektcharakter besonders stimmig zusammenkommen.
Auch das Material trägt entscheidend zu dieser Wirkung bei. Ahornholz bringt Wärme, Dichte und eine taktile Ehrlichkeit mit, die noch stärker hervortritt, wenn die Decks neben poliertem Stein, lackierten Flächen oder ruhigeren Arbeiten auf Papier hängen.
Der Art-Toy-Markt ist inzwischen so weit gereift, dass seine besten Stücke heute sehr überzeugend als sammelbare Skulptur funktionieren können. Ihre Wurzeln in der Spielzeugkultur bleiben Teil ihres Reizes, doch wirklich wirksam werden sie im Wohnraum dadurch, dass sie Humor, Charakter und kulturelles Gedächtnis mitbringen, ohne ihre formale Präsenz zu verlieren.
Allerdings brauchen sie eine bewusste Platzierung. Locker im Raum verteilt können sie schnell zufällig wirken. Mit Absicht gruppiert gewinnen sie deutlich an Klarheit, und ein Regal wirkt dann weniger wie Stauraum als vielmehr wie eine kuratierte Präsentation. Eine Kombination wie BE@RBRICK Keith Haring 10 1000%, BE@RBRICK Andy Warhol Marilyn und BE@RBRICK Jean-Michel Basquiat V6 funktioniert, weil die Stücke über Größe, Oberfläche und Ikonografie miteinander in Dialog treten.
Wichtig ist nicht nur, eine wiedererkennbare Figur zu besitzen, sondern zu verstehen, wie sie im Raum steht. Vinylfiguren profitieren von klaren Sichtachsen, genügend Höhe, damit sie nicht von ihrer Umgebung verschluckt werden, und einem Umfeld, das ihre Silhouette sauber konturiert. Ein Werk von KAWS wirkt zum Beispiel völlig anders, wenn es vor einem ruhigen Hintergrund isoliert steht, als wenn es zwischen Büchern, Lampen und Unordnung eingeklemmt ist. Für Sammler, die sich für diesen Übergang zwischen Skulptur, Ikone und Objekt interessieren, bietet die Entwicklung von KAWS zur Ikone einen hilfreichen Bezugspunkt.
Diese Werke haben außerdem einen tonalen Vorteil. Ein Stück wie KAWS BFF Black oder KAWS Companion Grey kann einem Raum etwas von seiner Strenge nehmen, wenn er zu ernst geworden ist. Richtig eingesetzt, macht diese Prise Witz eine Sammlung lebendiger und deutlich weniger selbstwichtig.
Mit Absicht gruppiert, wirken Vinylfiguren wie eine Präsentation. Ohne Plan verstreut, wirken sie wie Unordnung. Der Unterschied liegt ganz in der Qualität der Anordnung.
In Interieurs, in denen Neon, Vinyl oder stark grafische Arbeiten vorkommen, übernehmen Keramik und Porzellan oft eine ausgleichende Rolle. Sie nehmen dem Raum Tempo. Ihre Oberflächen halten Licht anders fest, und ihre materielle Geschichte bringt ein anderes Zeitgefühl in die Komposition.
Das gilt besonders für Arbeiten, die sich zwischen Skulptur und Gebrauchsobjekt bewegen. Ai Weiweis Coca-Cola Glass Vase und Javier Callejas Pot Pop Top Flower Vase sind gerade deshalb so spannend, weil sie diese Ambivalenz bewahren. Sie sind keine bloß nützlichen Formen, verweigern aber auch nicht die Sprache des Gebrauchs.
Keramik verlangt außerdem einen anderen Blick. Während Neon nach außen projiziert und Vinyl seine Kontur meist sofort behauptet, zieht Keramik die Aufmerksamkeit über Oberfläche, Finish und Gewicht an. Am besten wirkt sie dort, wo man sie aus der Nähe betrachten kann — auf einer Konsole, einem Sockel oder einem niedrigen Regalbrett —, damit Glasur, Schatten und Proportion zur Geltung kommen.
Neben einem grafischeren oder spielerischeren Werk bringen keramische Stücke oft die nötige Ruhe hinein. Dieser Kontrast kann wirkungsvoller sein als eine allzu offensichtliche Harmonie, weil er jedes Objekt in seiner Wirkung schärft. In einem gemischten Interieur sind es oft gerade diese ruhigeren Stücke, die verhindern, dass der Raum sich zu sehr bemüht.
Auch eine Sammlung im Wohnraum hat praktische Anforderungen, und die sind selten der glamouröse Teil der Geschichte. Licht bleibt eines der größten Risiken, besonders für Arbeiten auf Papier, Druckgrafik und andere empfindliche Oberflächen. Direktes Sonnenlicht sollte man möglichst ganz vermeiden, und UV-schützendes Glas kann gerahmten Arbeiten zusätzlichen Schutz bieten. Museen und Restauratoren betonen außerdem, wie wichtig niedrige Lichtwerte für Werke auf Papier sind und wie sehr starke künstliche Beleuchtung vermieden werden sollte.
Ebenso wichtig ist ein stabiles Raumklima. Papier und Holz reagieren besonders empfindlich auf Schwankungen von Temperatur und relativer Luftfeuchtigkeit, weshalb ein kühler, stabiler Raum meist die bessere Wahl ist als ein spektakulärer. In der Praxis heißt das: Werke sollten nicht in der Nähe von Heizkörpern, Heizungsöffnungen, feuchten Stellen oder Wänden hängen, die lange Sonne oder Kondenswasser abbekommen.
Auch Aufhängungen und Trägersysteme verdienen dieselbe Sorgfalt. Ein Werk, das schlecht montiert ist, ist nicht nur unvorteilhaft präsentiert, sondern auch gefährdet. In diesem Sinn gehört gute Pflege ebenso zum guten Sammeln, so unromantisch das klingen mag. Wer noch weiter gehen möchte, findet in unseren Leitfäden zu Rahmung von Druckgrafik, Lagerung und Präsentation sowie Erhaltung von Kunstdrucken einen vertiefenden Einstieg.
Was eine Sammlung unvergesslich macht, ist selten die Zahl der Werke, die sie umfasst. Viel öfter ist es das Gefühl, dass jedes Objekt die richtigen Bedingungen bekommen hat, um zu wirken. Ein Raum überzeugt nicht dann, wenn jede Fläche belegt ist, sondern wenn Maßstab, Abstand und Kontrast sorgfältig aufeinander abgestimmt sind.
Darum funktioniert zeitgenössisches Sammeln im Wohnraum so gut, wenn man sich ihm mit Geduld nähert. Ein Neonwerk, ein keramisches Stück, ein Skate Deck oder eine Vinylfigur kann jeden Raum verändern, aber jedes auf seine eigene Weise. Die eigentliche Kunst besteht darin zu wissen, welche Präsenz jedes einzelne mitbringt — und der Versuchung zu widerstehen, alles gleichzeitig auftreten zu lassen.
Im besten Fall zeigt eine Sammlung zu Hause nicht nur Geschmack. Sie erzeugt einen visuellen Rhythmus, der den Blick von der Wand zum Regal und von einem Objekt zum nächsten führt, bis der Raum bewusster, persönlicher und deutlich lebendiger wirkt.